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Darüber spreche ich nur äußerst ungern...

Dass ich schüchtern, introvertiert und hochsensibel bin, das wissen die meisten von mir. Das ist nichts Neues. Doch musste ich in meinem Arbeitsleben auch eine Erfahrung machen, die ich lange nicht verdauen konnte.

 

Ich möchte jetzt aber mal die Katze aus dem Sack lassen, weil diese Facette meines herkömmlichen Lebenslaufs auch dazu gehört. Leider.

 

Ich spreche darüber nur äußerst ungern, halte es aber trotzdem für so wichtig, dass ich dieses Thema in diesem Artikel ansprechen möchte. Leicht fällt es mir nicht, aber ich denke, dass es anderen ein Hinweis sein kann.

Stimmungen aufnehmen, fühlen, ob jemand "echt" ist

Von meiner Beschäftigung vor meiner Freiberuflichkeit: Über 8 Jahre war ich Vorzimmerkraft meines Chefs. Wir waren ohnehin insgesamt nur 5 Personen unserer kleinen Abteilung. Davon sogar zwei Vorgesetzte(!). 

 

Vielleicht kennst Du das als Hochsensible:r auch:

 

Ich nehme meistens sehr schnell auf, wenn sich etwas nicht stimmig anfühlt. Wenn Menschen sich anders geben, als sie in Wirklichkeit sind. So ist es mir in dieser kleinen Abteilung mit einem Kollegen gegangen. Ich hatte von Anfang an das Gefühl: "Der ist nicht "echt", nicht aufrichtig, irgendwie falsch.

 

Nur greifen konnte ich das nicht. Er verhielt sich sehr geschickt und immer "korrekt". 

 

Ich fühlte oft, wenn ich in sein Büro kam, dass hier über Dinge gesprochen wurden, die nicht für mich und meine Ohren bestimmt waren. Das weckte unangenehme Gefühle in mir. 

 

Ich bemühte mich stattdessen, mehr auf ihn einzugehen, in öfter in Gespräche einzubeziehen, Privates preiszugeben. Das hätte ich auf gar keinen Fall tun sollen!

 

Das, was ich als unaufrichtig, unecht und unangenehm spürte, hätte mir eine Warnung sein sollen.  

Mein größter Fehler: Ich versuchte mich anzupassen!

Es dauerte ca. ein oder 1/12 Jahr, als eine neue Kollegin in unsere Arbeitsgruppe kam. Mein Gefühl änderte sich jedoch nicht. Der Kollege hatte ganze Arbeit geleistet und sie waren schnell die besten Freunde. Die Konstellation war äußerst ungünstig, da mein Chef einmal die Entscheidung während seiner Abwesenheit traf, dass ausgerechnet die jüngste Kollegin (altersmäßig und was die Zugehörigkeit anging), die Verantwortung übernehmen sollte.

 

Damit hatte er Konfliktpotenzial geschaffen, was auch nicht lange auf sich warten ließ. Um die Geschichte jetzt trotzdem etwas abzukürzen - eine gemeinsame Aussprache über den entstandenen Konflikt gab es nie. 

 

Und ich versuchte mich nach dem Vorfall anzupassen. Mein Chef fand: "Sie sind aber auch empfindlich, Frau Körner...!" Das wird's gewesen sein, da hat er wohl recht. 

 

Doch selbst, wenn er damit durchaus Recht hatte, wurden Konflikte nicht ausreichend geklärt und ich mit dem Gefühl zurückgelassen, dass alles an mir liegt. Deshalb dachte ich, ich müsse mich anpassen, damit alles wieder okay ist.

Hören, was keiner sagt, zwischen den Zeilen lesen

Seinerzeit war mir Hochsensibilität noch so gar kein Begriff. Trotzdem war es schon immer meine Art, genauer hinzuhören. Ich hatte ein Gespür für Dinge, die nicht ausgesprochen wurden. Und ich las auch damals schon gerne zwischen den Zeilen.

 

Etwas anzusprechen, davor hatte ich meistens keine Angst. Doch wer mag sich schon ertappt fühlen? Bei

meinem Kollegen schien das Ängste auszulösen, denn er ist homosexuell und versteckte das. Und dann hatte

er mich als Kollegin...!

 

Ich hatte oft das Gefühl, dass hinter meinem Rücken etwas lief. Dass nicht mit mir, sondern über mich geredet wurde. Doch der Kollege verhielt sich äußerst geschickt. Ich konnte ihm nie wirklich etwas anlasten.

 

Doch ist einmal ein solcher Prozess in Gang gekommen und wird nicht geklärt, kann daraus Mobbing entstehen. 

Wenn sich plötzlich alles verändert, ohne, dass Du dass Du weißt, warum

Die Ereignisse nahmen ihren Lauf. Viele Situationen führten zu immer mehr Unverständnis (allerdings auf beiden Seiten). Langsam aber sicher wurde ich - ohne es zu wissen (wohl aber zu ahnen) - zur "Persona non grata".

 

Ich hätte längst den Stempel bekommen, dass ich einfach zu sensibel bin und dass ich mich nicht so anstellen solle. Mein Chef verstand meinen Frust gar nicht bzw. wollte ihn nicht verstehen. Das war ihm zu anstrengend. 

 

Damit wuchs mein Frust noch stärker an, was ich, das gestehe ich ein, dazu führte, dass ich ihn nicht mehr so respektvoll behandelte, wie es ein Chef verdient. 

 

Insgesamt waren es plötzlich zwei Personen, die sich gegen mich richteten. Unter Zuspitzung der Gesamtsituation bekam ich eine Depression und ich fühlte mich hilflos. 

 

Heute schaue ich auf die Fehler, die ich von meiner Seite aus gemacht habe. Denn ich bin nicht das Opfer. Hochsensible sind sehr reflektierte Menschen. Ich zähle mich dazu. Deshalb wusste ich gut, wie viel ich selbst dazu beigetragen hatte.

 

Früher fühlte sich das eine Zeitlang wie der Untergang an. Der Zeitpunkt für meine Selbstständigkeit konnte schlechter nicht sein. Doch ich bin dermaßen an allem gewachsen, dass ich das als eine wichtige Station meines Lebens betrachten kann. 

Geh sorgsam mit Deinen Gaben um...

Mein Rat an Dich, dass Du sorgsam mit Deinen hochsensiblen Gaben umgehst. Nicht jeder Mensch mag sich erkannt und ertappt fühlen. Auch nicht jeder will "durchleuchtet" werden. 

 

Wenn Du etwas ungeschickt agierst, kann sich das Blatt gegen Dich wenden - so, wie bei mir. Aus einer Angst heraus reagieren Menschen da vielleicht auch über. Nur, weil ich durch die Hochsensibilität mehr aufnehme als andere, Stimmungen intensiver wahrnehme und Inhalte tiefer verdaue und verstehe, sind viele andere eben nicht in der Lage das auch zu tun. Damit könntest Du Dir u. U. auch Feinde machen.

 

Daher empfehle ich Dir, dass Du Deine Gabe als ein Geschenk nimmst und sie sorgsam einsetzt. So wie ich es immer wieder erleben kann, wenn Menschen verstehen, was es bedeuten kann hochsensibel zu sein. Ich liefere mit dieser Erkenntnis immer auch Erklärungen, die Demjenigen weiterhelfen können.

 

Und wer weiß, vielleicht kreuzen sich unsere Wege auch einmal? Dann gibt's dafür einen richtig guten Grund!