Sich als hochsensibel outen? Was dafür spricht, was dagegen

Der Begriff Hochsensibilität ist nach meiner Erfahrung schon im Allgemeinen bekannt. Wie sich Hochsensibilität äußert bzw. was dafür steht, wissen die meisten anscheinend nicht. Wenn dem so wäre, würden sich sicher viel mehr Menschen in ihrer Hochsensibilität erkennen - und ggf. auch outen.

Hochsensibilität und Forschung

Hochsensibilität hat so viele Facetten und trotzdem kannst du Menschen, die hochsensibel sind, ganz gut erkennen. Also jedenfalls gibt es ein paar hervorstechende Merkmale, die daraufhinweisen.

 

Manche fragen sich allerdings, ob Hochsensibilität nur eine "Modediagnose" ist.

 

Die nordamerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron begann, aufgrund eigener Erfahrungen, das Thema “Hochsensibilität” wissenschaftlich zu erforschen.

 

Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts prägte sie die Begriffe “Highly Sensitive Person (HSP)” und “High Sensory-Processing-Sensitivity (HSPS)”.

 

SPS lässt sich im Deutschen mit “Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse” übersetzen und deutet schon an, dass das Merkmal mit einer bestimmten Form von Reizverarbeitung im Gehirn einher geht, die in ihrer Besonderheit auch zunehmend Gegenstand neuropsychologischer Forschungen ist.

(Quelle: Kompetenzzentrum für Hochsensibilität).

Sich selbst mit seiner Hochsensibiliät erkennen und annehmen

Bevor du dich mit der Frage beschäftigst, ob du dich outen willst, ist das Erkennen und Annehmen natürlich der erste Schritt. Folgende Indikatoren sprechen dafür:

 

Die niedrige Reizschwelle: Sowohl sensorisch als auch die Reaktion auf Reize von außen wie z. B. Geräusche, Lärmempfindlichkeit, Gerüche, helles Licht, viele Menschen, viel Trubel u.v.m. Die Verarbeitung von Erlebnissen dauert meist länger, weil das Erlebnis noch lange mitschwingt.

 

Hochsensible setzen sich in der Tiefe mit vielen Dingen auseinander, reflektieren viel. Sie machen sich sozusagen über Vieles einen Kopf und durchdenken Dinge bis ins Kleinste.

 

Wenn es ihnen zu viel wird, gehen sie gerne in den Rückzug, weil sie sich überfordert fühlen. Auch die Vermeidung ist eine Strategie, die dazu gehört.

 

Treffen diese Indikatoren auf dich zu, empfehle ich einen Test zu machen, damit du für dich einordnen kannst, in welchen Bereichen du hochsensibel bist. Im Internet gibt es einige Tests im Angebot. Ich empfehle dir möglichst einen validen Test zu machen. 

Outing Hochsensibiltät - was dafür spricht

Zuallererst: Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, ein Wesenszug. Hochsensible zu erkennen, ist nicht auf Anhieb gar nicht so einfach. Wobei man bei introvertierten und schüchternen Menschen eher davon ausgehen kann, dass sie es sein könnten.

 

So manches Mal reagiere ich spontan und nicht unbedingt verständlich und nachvollziehbar. Wenn ich, wie heute passiert, einfach sofort NEIN sage, obgleich ich noch gar nicht genau weiß, was man von mir will, stoße ich schon mal jemanden vor den Kopf. Manchmal reicht nur die Frage, um meine Überforderung zu spüren. Und dann ist es wichtig auf meine innere Stimme zu hören. Ich weiß, dass ich es anderen schwer mache, das zu verstehen. Und deshalb spricht eben in einem solchen Fall durchaus auch dafür, mich zu outen.

 

Gib anderen die Gelegenheit hinter die Kulissen zu schauen. Wie oft ich mir anhören schon musste: "Du bist aber auch empfindlich!" oder auch, dass ich mich zu sehr anstelle, kann ich gar nicht mehr sagen. Diesen Stempel von anderen zu bekommen und trotzdem ein gesundes Selbstwertgefühl zu haben - echt nicht einfach.

 

Ich bin in meiner Art eher extrovertiert, weshalb das ein Grund ist, der es anderen schwer macht, mich als hochsensibel einzuordnen. Ich finde es hilfreich anderen Menschen einen Einblick zu geben, weil es das Miteinander leichter machen kann. Trotzdem laufe ich im Alltag nicht mit einem Schild um den Hals, dass ich hochsensibel bin. Ich horche gut in mich hinein, wem ich vertrauen kann und es auch möchte. Das beeinflusst selbstverständlich auch das Outing. 

Was gegen ein Outing sprechen kann

Gehörst du zu den zurückhaltenden, introvertierten und schüchternen Menschen, fühlst du dich damit wahrscheinlich eher unwohl. Doch ob überhaupt und wenn ja, wie - das kannst nur du selbst entscheiden. 

 

Meine Empfehlung: Überlege dir gut, was deine Motivation ist, wenn du dich jemandem gegenüber outest. In welchem Kontext und WIE möchtest du das machen? WAS GENAU möchtest du damit erreichen? 

 

Ich halte es für das Wichtigste, dass du sehr genau auf dich und deine Gefühle achtest. Es gibt für das Outing kein richtig oder falsch. Versuche es doch einfach mal damit, dass du zunächst deine Bedürfnisse und Wünsche nach außen trägst. Was brauchst du gerade?

 

Gehe nicht in die Rechtfertigung, allenfalls erkläre dich und dein Verhalten. Das muss auch niemand verstehen und absegnen! Sondern du selbst solltest darauf achten, dass du hinter einer Aussage und Entscheidung stehen kannst. Je wohler du dich damit fühlst, desto sicherer kommst du rüber. Wenn dein Gegenüber ständig nachbohrt und anfängt Hochsensibilität negativ zu bewerten (damit ja auch dich) grenze dich ab.

 

Sorry, wenn du eine "Gebrauchsanleitung" erwartet hast. Dann bist du möglicherweise jetzt etwas enttäuscht. Doch so unterschiedlich Menschen in ihrer Persönlichkeit sind, so sind sie es natürlich auch in ihrer ganz eigenen hochsensiblen Art.

 

Das aber gibt dir die Freiheit und du kannst ganz selbstbestimmt entscheiden, wie du mit einem möglichen Outing umgehen möchtest. Fühlst du dich besonders unsicher einer Person gegenüber, dann gehe besonders vorsichtig mit deinem Outing um. Schütze immer zuerst dich selbst, bevor du deine Hochsensibilität raushängen lässt.